Prekrastination: Warum du alles sofort erledigst und trotzdem erschöpft bist
- Irina Gelwer

- 2. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Nicht nur Aufschieben macht müde. Manchmal ist es das Gegenteil.
Du erledigst Aufgaben sofort. Du antwortest direkt auf Nachrichten. Du kannst schlecht warten, bis etwas offen bleibt. Und trotzdem fühlst du dich dauerhaft angespannt, selten wirklich fertig, nie richtig zur Ruhe kommend. Das hat einen Namen: Prekrastination. Und es betrifft viele leistungsstarke Frauen, ohne dass sie es wissen.
Nicht nur Aufschieben ist ein Problem
Prokrastination kennen die meisten. Das schlechte Gewissen, wenn Aufgaben liegen bleiben. Das Aufschieben, das sich irgendwann rächt.
Aber es gibt das genaue Gegenteil. Und es ist kaum weniger erschöpfend.
Manche Frauen schieben nichts auf. Sie erledigen alles sofort. Sie antworten auf jede Nachricht, bevor der Tag richtig begonnen hat. Sie arbeiten Aufgaben ab, kaum dass sie auftauchen. Sie können schlecht warten, schlecht innehalten, schlecht etwas offen lassen.
Von außen sieht das nach Effizienz aus. Von innen fühlt es sich oft anders an.

Was ist Prekrastination?
Der Begriff wurde 2014 von dem Psychologen David A. Rosenbaum von der Pennsylvania State University geprägt, durch einen eher unerwarteten Fund.
In seinem Experiment bat er Studierende, einen Eimer von einem Ende eines Weges zum anderen zu tragen. Auf dem Weg standen zwei Eimer: einer näher am Start, einer näher am Ziel. Die Aufgabe war einfach: nimm genau einen davon und trage ihn bis zum Ende.
Die rationale Wahl wäre der Eimer näher am Ziel gewesen, weil man ihn nur ein kurzes Stück tragen müsste. Aber die meisten Studierenden griffen zum Eimer nahe dem Start und trugen ihn den ganzen langen Weg.
Warum? Weil sie die Aufgabe so früh wie möglich von ihrer mentalen Liste streichen wollten. Das kurzfristige Gefühl, etwas erledigt zu haben, war stärker als der Wunsch nach der effizienteren Lösung.
Prekrastination bedeutet also: Aufgaben möglichst früh abschließen, auch wenn das mehr Aufwand bedeutet, nur um die mentale Last loszuwerden.
Warum viele leistungsstarke Frauen davon betroffen sind
Das ist kein Zeichen von Schwäche. Und auch kein Charakterfehler.
Prekrastination entsteht oft aus einem tiefen Verantwortungsgefühl. Aus der Angst, etwas zu vergessen. Aus dem Wunsch, Kontrolle zu behalten, wenn ringsum vieles ungewiss ist.
Gerade Frauen, die gerade in einer beruflichen Neuorientierung sind, die sich selbstständig machen oder ihre Arbeit neu ausrichten, kennen dieses Gefühl gut. Es gibt so viel zu tun, so viel zu entscheiden, so viel, das nicht vergessen werden darf. Und das Erledigen fühlt sich nach Fortschritt an.
Aber ist es das wirklich?
Hinter dem Drang, alles sofort abzuhaken, steckt oft ein Gedanke, der selten laut ausgesprochen wird:
Erst wenn alles erledigt ist, darf ich mich ausruhen.
Dieser Gedanke ist eine Falle. Denn alles ist nie erledigt.
Warum das langfristig erschöpft
Eine aktuelle Studie im Fachjournal Frontiers in Psychology (2025) unterscheidet drei Formen von Prekrastination: eine funktionale, eine angstgetriebene und eine zwanghafte Form. Besonders die letzten beiden sind mit erhöhtem Stress und innerer Anspannung verbunden.
Was langfristig passiert, wenn man dauerhaft im Sofort-Modus lebt:
Es entsteht kein natürlicher Rhythmus mehr. Pausen kommen nicht, weil alles Neue sofort Aufmerksamkeit bekommt.
Aus bewusstem Gestalten wird reaktives Arbeiten: du reagierst auf das, was gerade auftaucht, statt das zu tun, was wirklich wichtig ist.
Dein Nervensystem bleibt dauerhaft in Bereitschaft. Nicht weil eine Krise da ist, sondern weil immer etwas zu erledigen ist. Und am Ende des Tages bist du erschöpft, obwohl du viel getan hast.
Auch ständige Aktivität ohne Pause erschöpft. Manchmal sogar mehr als Nichtstun.
Was stattdessen helfen kann
Es geht nicht darum, plötzlich alles aufzuschieben. Es geht darum, bewusster zu entscheiden, was wirklich jetzt dran ist.
Nicht alles sofort erledigen. Nicht jede Nachricht braucht eine sofortige Antwort. Nicht jede Aufgabe ist so dringend, wie sie sich anfühlt. Frag dich kurz: Muss das wirklich jetzt sein?
Offene Dinge extern sammeln, statt sie sofort abzuarbeiten. Was im Kopf bleibt, erzeugt Druck. Was aufgeschrieben ist, kann warten. Ein einfaches System, in dem du offene Gedanken und Aufgaben festhalten kannst, nimmt den inneren Alarmzustand heraus.
Prioritäten bewusst wählen. Nicht das Dringlichste ist immer das Wichtigste. Welche Aufgabe bringt dich heute wirklich weiter? Welche kann bis morgen warten?
Lernen, Unerledigtes auszuhalten. Das ist die schwerste Übung. Und gleichzeitig die wirksamste. Nicht alles muss sofort weg. Manchmal ist das bewusste Warten die klügere Entscheidung.
Zeitpuffer einplanen. Nicht jede Stunde des Tages füllen. Raum lassen für das Unerwartete, und für dich selbst.
Eine kurze Pause nach innen
Bevor du weiterliest, nimm dir einen Moment.
Atme einmal tief ein und langsam aus.
Und frag dich ruhig:
Welche Aufgabe habe ich zuletzt sofort erledigt, obwohl sie eigentlich hätte warten können?
Was hat dich dazu gebracht?
Zum Schluss
Nicht jede schnelle Erledigung ist echter Fortschritt.
Selbstführung bedeutet nicht, alles sofort zu tun. Sondern bewusst zu entscheiden, was gerade wirklich dran ist. Das ist ein Unterschied, der auf Dauer mehr Energie gibt als jede To-do-Liste, die du abhakst.
Zeit zum Reflektieren!
Hinterlasse mir einen Kommentar:
Erkennst du dich wieder? Schiebst du eher auf, oder erledigst du alles sofort, auch wenn es dich erschöpft?
Danke für deine Zeit!
Und denke daran: „Du musst nicht alles schaffen, nur den nächsten richtigen Schritt gehen."
Irina
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Quellenangaben:
Rosenbaum, D. A., Gong, L. & Potts, C. (2014). Precrastination: Hastening Subgoal Completion at the Expense of Extra Physical Effort. Psychological Science, 25(7), 1487–1496. https://gwern.net/doc/psychology/2014-rosenbaum.pdf
Gehrig, S. et al. (2025). The dark side of precrastination: exploring the psychological burdens of being too early. Frontiers in Psychology. https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2025.1698978/full


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